Königsgeier, Stickbild von Angelica Rosa nach Borowski 1781

Wahrlich kein Pleitegeier!

von Katrin Böhme

Ein Pleitegeier ist dies hier sicher nicht! Ganz im Gegenteil – seine Aufgabe war es, Geld herbeizuschaffen. 20 Gulden in Gold wollte Catharina Angelica Salome Rosa, Predigerwitwe aus Brandenburg an der Havel, für eine solche Stickerei haben. Nach dem Tod ihres Mannes war sie auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen. So bot sie in einem Schreiben vom 24. Oktober 1784 der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin eine Auswahl an gestickten Vogelbildern an.

Diese Bilder sind zauberhaft! Auf heller Seide gestickt, sehr detailreich und farbenfroh sehe ich jeweils eine Vogelart auf kleinem Untergrund, ergänzt durch den Artnamen in verschiedenen Sprachen sowie ein kryptisches „Borowski“. Insgesamt gibt es im Museum für Naturkunde davon sechs Blätter. Die feine Seide wurde auf blaue Pappe geheftet. Auf fünf Blättern ist jeweils eine Vogelart zu sehen, wie hier der Königsgeier. Auf ein Blatt stickte Angelica Rosa jedoch sechs verschiedene Schmetterlingsarten. Wie aus einem weiteren Brief vom 5. August 1785 hervorgeht, hatte sie diese sogar selbst gefangen und nach dem Naturobjekt in die Seidenstickerei übertragen.

Bei den Vogelbildern verhält es sich ein wenig anders. Hier stammen die Vorlagen aus einem Buch: Gemeinnüzzige Naturgeschichte des Thierreichs: darinn die merkwürdigsten und nüzlichsten Thiere in systematischer Ordnung beschrieben, und die Geschlechter in Abbildungen nach der Natur vorgestellet von Georg Heinrich Borowski, erschienen von 1780 bis 1789 in zehn Bänden. Im zweiten Band  dieses umfangreichen Werkes findet sich auf der ersten Tafel der Königsgeier, der als Vorlage für diese Stickerei diente.

Und wie kamen diese Bilder nun an das Museum für Naturkunde? Die Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin wurde im Jahre 1773 in Berlin gegründet und besteht bis in die Gegenwart. Damals gab es in der Stadt weder eine Universität noch ein Naturkundemuseum. Erst 1810 wurde die Berliner Universität eingerichtet. Das dazugehörige Museum für Naturkunde erhielt sein separates Gebäude im Jahre 1889. Nachdem die Gesellschaft ihr eigenes Haus verkaufen musste, zog sie 1906 in die Räumlichkeiten des Museums, wo fortan auch ihr Archiv aufbewahrt wird. Dort in der Historischen Arbeitsstelle befinden sich noch heute diese wunderbaren Stickereien.

Ebenfalls von Katrin Böhme: Betörend!

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