Die Töpferwespe baut für ihren Nachwuchs individuell geformte Brutzellen aus Lehm.

Tontöpfe aus Wespenhand

von Kerstin Stoll

Die Töpferwespe, auch Pillenwespe genannt, baut für ihren Nachwuchs einzelne, individuell geformte Brutzellen aus Lehm. Diese dünnwandigen, feinst modellierten Nester stehen in ihrer eleganten Schlichtheit im Gegensatz zu den exakten, hexagonalen Wabenbungalows der Papierwespen. Sie sind kleine Wunderwerke der Baukunst. In der Bionik, die erforscht, wie natürliche Strukturen in Technik umgesetzt werden können, hat man die Nester ihrer Stabilität wegen bereits genau unter die Lupe genommen. Ich selbst habe Nester der Töpferwespe im Keramikofen gebrannt, diese Prozedur haben sie schadlos überstanden.

Die Töpferwespe schabt Lehm vom Boden und dreht ihn zu einer Kugel. Ist der Lehm zu trocken, gibt sie etwas von ihrem Speichel hinzu. Mit der fertigen Kugel fliegt sie zu dem Ort, an dem das Nest entstehen soll. Zunächst legt sie eine runde Bodenfläche an. Bei diesem Nest hat sie ein kleines Ästchen als Baugrund gewählt. Danach baut sie den Topf in Spiralwulsttechnik auf, indem sie sich kreisförmig um das Objekt bewegt. Der Mensch hat die Töpferscheibe entwickelt, die Töpferwespe dreht sich um sich selbst. Durch ständiges Abtasten mit den Antennen dreht sie das Gefäß in die perfekte Form und Größe. Nester von Töpferwespen sind alle annähernd gleich groß, jedes Töpfchen aber ist ein individuell geformtes Einzelstück! Die dickbauchige Gefäßform hat in der Mitte den größten Durchmesser, verjüngt sich nach oben wieder und wird mit einer nach außen abstehenden Krempe abgeschlossen. Zu guter Letzt wird das Nest mit einem Ei und betäubten Opfertieren, die als Nahrung für die Larven dienen, gefüllt und dann verschlossen.

Eine Frage stellt sich mir: Warum bringt die Töpferwespe zum Abschluss des Gefäßes eine Krempe an? Diese ergibt weder einen baulichen, noch einen anderen ersichtlichen Sinn. Ist dies ein stilistisches Mittel und besitzt die Töpferwespe möglicherweise gar ein ästhetisches Bewusstsein? Oder ist es nur ein instinktgesteuertes Verhalten? Die Form und der kragenförmige Abschluss lassen schnell Assoziationen zu einfachen Tonkrügen von menschlicher Hand aufkommen. Der Verhaltensbiologe Karl von Frisch stellte einen direkten Bezug her: „Solche Nestkammern von Wespen sollen einst den Indianern bei der Töpferei als Vorbild für ihre Tonkrüge gedient haben.“ Wer weiß – vielleicht diente das Töpferwespennest tatsächlich einstmals als Vorbild für die Formgebung menschlicher Gefäße?

Kommentare

  1. Kunz Andreas schrieb

    Sehr eindrucksvoll! Vielleicht erleichtert die Krempe das Hinein- und Herauskrabbeln und ist einem Blütenkelch nachempfunden? Ich habe beobachtet, dass auch die gemeine Wespe mit Ton umgehen kann. Ich sah, wie die Wespen mit Tonkügelchen aus einem Loch zwischen Steinen einer Terassenmauer herausflogen. Ich vermute, dass sie dahinter einen kleinen Bergbau betrieben, um eine Bruthöhle herzustellen. Ich hätte gern ein Foto angehängt, aber das ist hier leider nicht möglich.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Kunz

    Antworten

Ihr Kommentar

  • (wird nicht veröffentlicht)