Ozelot im Museum für Naturkunde

Augen lügen nicht – oder doch?

von Clara Probst

„Mami, sind die Katzen wirklich echt?“ Im Naturkundemuseum sind viele Gäste von der scheinbaren Lebendigkeit der Ausstellungspräparate irritiert. In der Präparationsausstellung stehen sich zwei Raubkatzen gegenüber. Es sind Ozelotpräparate aus den Jahren 1819 und 1934, an denen die Geschichte und Herstellung von Säugetierpräparaten thematisiert werden. Das ältere Raubkatzenfell wurde nach der damals gängigen Präparationsmethode einfach ausgestopft, was zu einem unnatürlich deformierten Körper führte. Die glasig trüben Augen unterstreichen diese Künstlichkeit, sodass dem Präparat jegliche Ähnlichkeit zu lebendigen Artgenossen fehlt. Das Präparat von 1934 hingegen ist eine Dermoplastik. Es besitzt einen künstlichen Körper, der anatomisch korrekt geformt wurde, und wirkt schon allein dadurch fast lebendig. Vor allem aber ist es das Gesicht und insbesondere die Augenpartie, die den individuellen, lebendigen Ausdruck des neueren Raubkatzenpräparats hervorrufen. Während die Augen des alten Präparats bereits aus der Ferne künstlich erscheinen, sind es bei dem neueren Exemplar gerade die Augen, die ihm erst Lebendigkeit verleihen.

Mich fasziniert das daraus entstehende Paradox: Denn es handelt sich bei dem ausgestellten Ozelot natürlich um ein Präparat, sprich mitnichten um ein lebendiges Tier. Und gerade seine so lebendig wirkenden Augen gehören zu den wenigen unechten Körperteilen, da Augen bis heute nicht konserviert werden können. Sie werden durch Glasaugen ersetzt, die es inzwischen in mannigfaltigsten Formen und Farbnuancen gibt. Dass durch die Augen ein lebendiger Ausdruck vermittelt wird, während sie gleichzeitig die Künstlichkeit des Präparats und die Kunstfertigkeit der Präparation offenlegen, beeindruckt mich sehr. Anders gesagt: Obwohl die Augen der Raubkatzenpräparate selbst unecht sind, entscheiden offenbar gerade sie über die gefühlte Echtheit der Präparate. Augen können also doch lügen – hier sollen sie es sogar.

Lesen Sie weiter von der seltsamen Anziehungskraft der Ozelot-Präparate in Imperfection is no “peephole in the jungle”.

Kommentare

  1. Oskar Neumann schrieb

    “…Obwohl die Augen der Raubkatzenpräparate selbst unecht sind, entscheiden offenbar gerade sie über die gefühlte Echtheit der Präparate. Augen können also doch lügen – hier sollen sie es sogar.”

    Das ist mir so bisher noch nicht in den Sinn gekommen. Ich nutze die beiden Präparate, um den Teilnehmenden einer Führung den Unterschied zwischen “ausgestopft” und “Dermoplastik/Taxidermie” zu erklären.
    Vielen herzlichen Dank, bei meinen nächsten Führungen werde ich diesen Satz gern zitieren.

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