Bei seiner Entdeckung vor gut 100 Jahren sah das Fell des ausgestorbenen Riesenfaultiers Mylodon so frisch aus, dass man glaubte das Tier lebe noch.

Jagd auf das drei Meter Faultier

von Axel Straschnoy

1895 entdeckte Hermann Eberhard, ein deutscher Kapitän, der sich als Schafzüchter im damals noch kaum erforschten Patagonien niedergelassen hatte, in einer Höhle auf seinem Grundstück ein seltsames Stück Haut. Eberhard war sich sicher, dass dieses keinem Tier aus der Gegend gehörte. Und trotzdem war das Stück Haut da und erschien frisch – alles deutete darauf hin, dass das Tier erst vor kurzem gestorben war.

Zwei Jahre später besuchte Francisco P. Moreno die Region, der Direktor des Museums von La Plata in Argentinien. Das Stück Haut fiel ihm sofort auf und er überzeugte Eberhard, etwas davon für sein Museum abschneiden zu dürfen.

Florentino Ameghino, der ‘Vater’ der argentinischen Paläontologie, war stellvertretender Direktor desselben Museums gewesen. Nach einem Streit mit Moreno war ihm jedoch der Zutritt ins Gebäude verwehrt. Dennoch gelangten einige Knöchelchen aus der Haut in seinen Besitz – vielleicht ließ ihn jemand nachts heimlich ins Museum oder schmuggelte sie ihm nach draußen. In der Haut mancher Riesenfaultiere sind solche kleine Knöchelchen eingelagert – was bei Säugetieren sehr selten vorkommt. Ameghino erkannte diese Knöchelchen sofort und ordnete sie Mylodon zu, einem eine Tonne schweren, drei Meter langen Riesenfaultier, von dem man annahm, dass es vor mehr als 10.000 Jahren ausgestorben war. Er war perplex, wie frisch das Stück Haut schien. 1898 schrieb er einen Artikel, in dem er postulierte, das Hautstückchen gehöre einem bisher unbekannten Tier, das er Neomylodon listai taufte, ein moderner Verwandter des ausgestorbenen Faultiers.

Die Nachricht eines lebenden Riesenfaultiers in Patagonien schlug weltweit große Wellen. Das Thema wurde in wissenschaftlichen Zeitschriften diskutiert und mehrere Expeditionen wurden  ins Leben gerufen mit dem Ziel, Mylodon zu finden. Selbst der Gründer und Besitzer der Zeitung Daily Express schickte einen Abenteurer nach Patagonien, um das Tier zu jagen. Um der Kontroverse ein Ende zu setzen, legte Moreno seine Probe der London Zoological Society vor und schickte den deutschen Geologen Rudolph Hauthal zur Höhle, um nach weiteren Hautproben zu suchen. Einige dieser Proben gingen ans Museum für Naturkunde in Berlin. Trotz intensiver Suche konnte nie ein lebendes Neomylodon gefunden werden. Erst viele Jahrzehnte später zeigten Radiokarbon-Untersuchungen, dass die Hautstücke rund 10.000 Jahre alt sind.

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