Wachsmodell von Schädelskelett, Gehirn und Hirnnerven einer Lungenfisch-Larve (Ceratodus forsteri), angefertigt von P. Bartsch

Eine merkwürdige Skulptur

von Peter Bartsch

Im Sydney Morning Herald vom 18. Januar 1870 erscheint neben Reportagen über finstere Verbrechen und diversen Leserbriefen die Beschreibung einer neu entdeckten lebenden Tierart aus der Urzeit. Der Artikel über Ceratodus forsteri, den „Queensland Lungfish“, stammt vom Braunschweiger Goldsucher, Geologen und Naturforscher Gerard Krefft. Als Fossil war die Gattung bereits seit 1837 bekannt. Nachweislich lebten schon vor 228 Millionen Jahren ähnliche Arten, gut erkennbar an ihren fächerförmigen Zahnplatten. Dabei ist der Lungenfisch eigentlich kein Fisch, sondern gehört eher zu den Landwirbeltieren. Das evolutionsbiologisch so bedeutende Relikt findet deshalb die Aufmerksamkeit vieler Wissenschaftler. Innerhalb der Zoologie wird lange um den stammesgeschichtlich nächsten lebenden Verwandten der Landwirbeltiere gestritten: Sind es nun die Lungenfische oder der erst 1938 entdeckte Quastenflosser?

Auch der Evolutionsbiologe Richard Semon trägt mit seinen Zoologischen Forschungsreisen in Australien (1891-1893) zur Entwicklungsbiologie des Ceratodus bei. Das Werk inspiriert fast ein Jahrhundert später einen jungen Postdoktoranden, der 1988 in 125-facher Vergrößerung das Wachsmodell des Schädels einer Lungenfischlarve baut. Da dieser insgesamt im Original nur 5,6 Millimeter lang ist, muss er dafür 700, nur 0,008 Millimeter dünne Gewebeschnitte auf 1 Millimeter dünne Wachsplatten zeichnerisch vergrößert übertragen. Eine geduldige Lehrzeit in Anatomie und ein Begreifen von Strukturen und Funktionen! Es ist ja oftmals der Kopf, dies komplexe Instrument des Sehens, Riechens, Fressens und Denkens der Wirbeltiere, das in seiner Struktur und in der Entwicklung Aufschluss gibt über evolutionäre Ereignisse, die unerreichbar weit zurück in der Zeit liegen.

Dies sollte das letzte handwerklich hergestellte Anatomiemodell vor der Entwicklung von 3-D Rekonstruktionen am Computer sein. Jahre später steht der ehemalige Postdoktorand in Queensland auf einer Brücke über dem Mary River und beobachtet versonnen die großen, bedächtig am Ufer einher schwimmenden Tiere. Deren Lebensraum ist klein geworden und droht nun, noch kleiner zu werden durch den Bau von Dämmen und Bewässerungsanlagen. Immerhin sind inzwischen die meisten Kollegen der Auffassung, dass doch die Lungenfische die nächsten lebenden fischartigen Verwandten der Landwirbeltiere sind.

Die Debatten um den Lungenfisch sind so alt wie seine Entdeckung. Lesen Sie weiter in Ein fotografisches Beweisstück.

Ebenfalls von Peter Bartsch: Aus der Tiefsee ins Schulbuch.

Ihr Kommentar

  • (wird nicht veröffentlicht)