Die westafrikanische haarige Buschviper wurde 2002 entdeckt -  erst 2012 wurde ein zweites Exemplar gesichtet.

Der heilige Gral in Liberia

von Johannes Penner

Mein persönlicher heiliger Gral war eine Schlange, und zwar eine ganz besondere. Im Gegensatz zu vielen anderen Suchenden habe ich meinen Gral allerdings gefunden. Alles begann 2002, als Raffael Ernst und Mark-Oliver Rödel eine neue Art beschrieben: die westafrikanische haarige Buschviper, Atheris hirsuta. Nur ein einziges Exemplar wurde gefunden, im Taï Nationalpark in der Elfenbeinküste. Im selben Jahr belegte ich den letzten wichtigen Kurs meines Studiums: Als angehender Tropenbiologe untersuchte ich im gleichen Gebiet westafrikanische Gabunvipern. Ich träumte aber davon, das zweite Individuum von Atheris hirsuta zu finden. Daraus wurde leider nichts: Aufgrund des beginnenden Bürgerkrieges mussten wir das Studiengebiet vorzeitig verlassen.

Die Buschvipern wurden zu meinen favorisierten Schlangen, doch Atheris hirsuta blieb ein Mysterium. Für mich war klar, dass ich eines Tages wieder in die Elfenbeinküste fahren musste, um mehr über diese seltene Art herauszufinden. Acht Jahre später begann ich in Liberia zu arbeiten und der Traum eines Neufundes wurde wieder lebendig, schließlich grenzen beide Länder direkt aneinander. 2012 campten wir für sechs Tage auf dem unscheinbaren Mount Swa, auf der Suche nach einem bestimmten Frosch. In der letzten Nacht, als klar war, dass wir unser Ziel verfehlen würden, schleppten wir uns müde über den Berg. Die Mehrheit wollte zurück ins Camp, ich aber entschied, noch einmal hinter den nächsten Kamm zu schauen. Da entdeckte ich etwas im Gebüsch. Eine Schlange! Mir war sofort klar, dass dies keine Schlange war, die ich schon einmal gesehen hatte. So näherte ich mich vorsichtig und es wurde mir schlagartig klar: Vor mir schlängelte sich das zweite der Wissenschaft bekannte Exemplar der westafrikanischen haarigen Buschviper. Zehn Jahre nach der Erstbeschreibung und über 200 Kilometer vom ersten Fundort entfernt. Meine Müdigkeit war verflogen. Die Art ist entweder sehr selten oder sehr scheu, denn auch unsere einheimischen Begleiter hatten solch ein Tier noch nie gesehen.

Das Exemplar wurde gefangen und am nächsten Morgen ausführlich fotografiert. Inzwischen liegt es in der Sammlung des Museums. Es wurde eingehend vermessen und hat eine ganze Reihe neuer wissenschaftlicher Fragen initiiert. Ich aber muss mich nun wohl auf die Suche nach einem neuen Gral begeben.

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