Silberreiher aus The Birds of America von John James Audubon

Betörend!

von Katrin Böhme

Es stinkt! Das Buch stinkt! Ich öffne es, betrachte die zauberhaften Tafeln und – es stinkt! Wieso? Ein wundersamer Reiher vor einer Küstenlandschaft reckt seinen Hals zu einer Krötenechse, die eher in die Wüste als ans Wasser gehört. Das Gefieder ist fein gezeichnet, ich erkenne einzelne Federn. Die Farbigkeit wirkt ganz natürlich, die Landschaft zeigt Tiefe. Was ist das für ein eigenartiges Vogelbild? Riesig groß, zart in der Darstellung und doch so künstlich anmutend.

Es ist eine Tafel aus den Birds of America von John James Audubon, der sein halbes Leben durch die Wildnis Nordamerikas reiste, um die dortige Vogelwelt vollständig auf Bildern festzuhalten. Mit den Birds, die von 1827 bis 1838 in London erschienen, trug er auf insgesamt 435 Tafeln 489 Vogelarten zusammen. Den Reiher wollte er in Lebensgröße aufs Papier bringen. Dazu fixierte er den Hals mit einem Draht, so dass diese merkwürdige Körperhaltung zu Stande kommt.

Das Museum besitzt das Faksimile mit 40 Tafeln, das 1972/73 in zwei Bänden in Leipzig gedruckt wurde. Die Originaltafeln, auf deren Grundlage die Reproduktionen in der DDR erscheinen konnten, stammten aus dem sogenannten Meininger Exemplar. Bernhard II. Erich Freund, Herzog von Sachsen-Meiningen, erbte von seiner Schwester Adelheid, die von 1830 bis 1837 Queen Adelaide von England und Irland war, eine fast vollständige Sammlung. So gelangte ein Exemplar dieses äußerst kostspieligen und durch sein übergroßes Format ungewöhnlichen Werkes in den Besitz der Herzöge von Sachsen-Meiningen. Als Teil der Meininger Kunstsammlungen geriet ihre Herkunft und Bedeutung nach dem 2. Weltkrieg in Vergessenheit. Erst Mitte der 1960er Jahre wurden die Tafeln wiederentdeckt und in Zusammenarbeit mit dem Museum für Naturkunde in einer Auswahl veröffentlicht.

Und warum stinkt diese Tafel nun? Sie wurde im Lichtdruck faksimiliert, einem leider selten gewordenen, sehr anspruchsvollen und hochwertigen Flachdruckverfahren, bei dem durch den Einsatz von lichtempfindlicher Gelatine die Druckplatte erzeugt und dann mit hochwertigen Farben rasterfrei gedruckt wird. Um die Gelatineschicht auf den Druck vorzubereiten, wurde sogenannte Ochsengalle eingesetzt, deren Geruch sich auf die Tafel übertragen hat. Aber was soll’s! Allein diese selten gewordene Drucktechnik lässt die Tafel schon selbst wieder zu einem kleinen Kunstwerk werden.

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