Die Tiefsee-Staatsqualle Bathyphysa abyssorum wurde beim Verlegen eines Tiefseekabels entdeckt

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von Carsten Lüter

Carl Siemens hätte die Neuigkeit vielleicht gerne direkt von Bord des Kabelschiffes CS Faraday telegraphiert, aber das hier war alles – nur keine Forschungsreise. Die Fehlersuche am bereits verlegten transatlantischen Tiefseekabel im Frühjahr 1875 gestaltete sich schwierig und so gab es Wichtigeres zu tun. Zudem hatte Siemens keine Ahnung, was für glibberige Lebewesen er da zusammen mit dem gerissenen Kabelende aus knapp 3400 Metern Meerestiefe gezogen hatte. Dennoch wanderte das schleimige Knäuel in Spiritus und gelangte schließlich über Carls älteren Bruder Werner, Mitbegründer der Berliner Telegraphenbauanstalt Siemens & Halske, an das königliche Museum zu Berlin.

Drei Jahre später hatten die konservierten Kabelfänge endlich einen Namen. Der Nesseltierspezialist Theophil Studer aus Bern war 1876 von der Weltumsegelung mit der Korvette Gazelle heimgekehrt. Während dieser Reise hatte er unter anderem Tiefsee-Staatsquallen gesammelt, die er als neue Art beschreiben wollte. Als Vergleich diente ihm das Siemens’sche Material aus dem Atlantik, das ihm vom Direktor des Berliner Museums, Wilhelm Peters, zur Bestimmung überlassen worden war. Das noch heute am Sammlungsglas klebende Originaletikett weist den Inhalt lediglich als „Animal matter, Polypos” aus und wurde möglicherweise bereits an Bord der CS Faraday geschrieben. Studer erkannte sofort, dass es sich bei diesem „tierischen Material” ebenfalls um Staatsquallen handelte.

In seiner Abhandlung Über Siphonophoren des Tiefen Wassers von 1878 beschrieb Studer die Tiere vom ersten, dauerhaft funktionierenden Transatlantikkabel der Gebrüder Siemens als eine neue Gattung und Art: Bathyphysa abyssorum. Der bis zu einem Meter lange Körper dieses Tieres stellt eine Kolonie von Polypen dar, die arbeitsteilig für den Auftrieb, den Nahrungserwerb, die Vermehrung oder die Verteidigung des Gesamtorganismus zuständig und entsprechend spezialisiert sind. Begeistert von der zu vermutenden Vielfalt an Organismen in der Tiefsee schließt Studer seine Beschreibung mit der Empfehlung, „dass mit Tiefenuntersuchung beschäftigte Schiffe alle den Lothleinen oder Kabelfangleinen beim Einholen anhaftenden Gegenstände sammeln und, in Alkohol oder Müller’scher Lösung conservirt, competenten Fachleuten zur Untersuchung überweisen” sollten.

* Bathyphysa abyssorum nach internationalem Morsecode von 1865

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